Definition

Der Favismus (Bohnenkrankheit), der auch unter dem Begriff “Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel” (G6PD-Mangel) bekannt ist, zählt zu den häufigsten angeborenen Erbkrankheiten.

Physiologisch betrachtet, führt der Enzymmagel zur Unterproduktion von NADPH und reduziertem Glutathion und somit zu einer erhöhten Anfälligkeit der Erythrozyten für eine oxidative Schädigung.
Die Aglycone der Fababohne führen zusätzlich zu einer vermehrten Bildung von Peroxiden, so dass die Überproduktion der Sauerstoffspezies das Entgiftungssystem der Zellen und des gesamten Organismus überfordert.

Es treten einige Stunden bis 2 Tage nach dem Genuss von Fababohnen (Vicia Faba) oder nach Einatmen des Blütenstaubes krisenhafte Hämolysen mit Anämien auf sowie allgemeines Unwohlsein, Fieber, Erbrechen, Durchfälle, Leberschmerzen und Schleimhautblutungen.

Außer durch die Aglycone der Fababohne können auch bestimmte Pharmaka wie z. B. Malariamittel, Sulfonamide, Nitrofurane hämolytische Krisen auslösen. [1, 2]

Geschichtliches

Weltweit, auch im südlichen Europa, vor allem in malariaendemischen Regionen, sind etwa 400 Millionen Menschen von diesem genetischen Enzymdefekt betroffen.

Die große Anzahl der Träger dieses Enzymdefektes hängt damit zusammen, dass die bereffenden Personen eine größere Resistenz gegen Malaria entwickeln, so dass in tropischen Gebieten, der Enzymdefekt einen Selektionsvorteil bietet.

Da der parasitäre Malariaerreger noch empfindlicher auf die Radikale reagiert als menschliche Zellen, gehört ihre Produktion auch zu den Abwehrmaßnahmen des Körpers. Speziell die Zellen des Immunsystems stellen gezielt Wasserstoffperoxid bereit, das über radikalische Zerfallsprodukte Krankheitserreger aller Art abtötet.
G6PD-Mangel führt zu höherer Konzentration dieser abwehrenden Stoffe. Dadurch können die Parasiten zu Beginn einer Infektion erfolgreicher bekämpft werden. [3]

Genetische Diposition

Die Vererbung erfolgt X-chromosomal rezessiv.

Die Erkrankung manifestiert sich immer bei homozygot betroffenen Frauen und bei betroffenen Männern (Prävalenz in Deutschland: 0,14 – 0,37 %, in einigen Ländern des Mittelmeergebietes, Afrikas und Asiens: 3,0 – 35,0 %). Auch manche heterozygot betroffenen Frauen, die 2 Populationen von Erythrozyten aufweisen, nämlich solche mit und solche ohne G6PD-Mangel können erkranken.
Hilfreich wäre ein flächendeckendes Neugeborenenscreening für diesen Enzymdefekt. Unterschiedliche Auffassungen sind in der bisherigen Diskussion vertreten, wobei u. a. die Hürde des Kostenfaktors überwunden werden muss. [5, 7]

Funktion der G6PD

Die Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase ist das Schlüsselenzym im Pentosephosphatweg. Sie katalysiert die Umwandlung von Glukose-6-Phosphat zu Gluconsäure-6-Phosphat. Dabei entstehen Reduktionäquivalente wie NADPH und reduziertes Glutathion, welche die Erythrozytenmembran und andere Zellstrukturen vor oxidativer Schädigung bewahren.

Bei einem funktionellen Defekt ist die Bereitstellung von NADPH über den Pentosephosphatweg eingeschränkt. Es besteht eine größere Empfindlichkeit gegenüber Peroxiden und freien Radikalen. Eine akute intravasale Hämolyse wird jedoch meist nur nach Zufuhr von Oxidantien, die die Kapazität des verbliebenen Redoxsystems überschreiten, beobachtet. Hierfür sind Pharmaka, Lebensmittel und Infektionen verantwortlich. [4, 6]

Wirkungsweise

Die Fababohne enthält die beiden Glycoside Vicin und Convicin. Enzyme setzen daraus die Wirkstoffe Divicin und Isouramil frei, die zu einer vermehrten 

Bildung von Peroxiden führen. Bei einem G6PD-Mangel kommt es zu einer Anhäufung dieser Radikale. Dies führt in Erythrozyten zu einer Beeinträchtigung des Glutathion-Redoxsystems und zu stark erhöhtem oxidativen Stress.

Werden Erythrozyten mit G6PD-Mangel den Oxidanzien (zum Beispiel bestimmte Medikamente, Chemikalien oder Vegetabilien) ausgesetzt, erfolgt eine oxidative Denaturierung von Hämoglobin und von Membranproteinen mit Erythrozytenzerfall.
Gleichartige Krankheitsbilder sind bei Störungen anderer Erythrozytenenzyme wie Glutathionreduktase- und Glutathionsynthetasemangel zu beobachten. [5]

Die Diagnose erfolgt durch die Enzymbestimmung in den Erythrozyten.
Bei der Therapie sollte man dringend beachten, dass einige Medikamente die Hämolyse zusätzlich verstärken können.

Quellen:

[1] Katja Becker-Brandenburg und R. Heiner Schirmer

Malaria – Wegweiser zur Chemotherapie

[2] Europäisches Institut für Lebensmittel – und Ernährungswissenschaften (EU.L.E.) e.V.
Die traditionelle Ernährungstherapie der Malaria

[3] Europäisches Institut für Lebensmittel – und Ernährungswissenschaften (EU.L.E.) e.V.
Von Parasiten, Genen und Giften

[4] R.H. Schirmer, J.G. Müller, R.L. Krauth-Siegel;
Inhibitoren von Disulfid-Reduktasen als Chemotherapeutica-Design von Wirkstoffen gegen die Chagas-Krankheit und gegen die Malaria;
Angewandte Chemie 1995,107, S.153-166

[5] AHC-Consilium; Medizinisch – Wissenschaftlicher Beirat
Anämien

[6] Charité, Medizinische Fakultät der Humboldt – Universität zu Berlin
Parameterbeschreibung G6PDH, Erythrozyten

[7] Solem, E.; Univeritäts-Kinderklinik, Frankfurt/M.
Zentrum für Kinderheilkunde und Jugendmedizin Klinikum der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/M.