Fachinformationen G6PD-Mangel
Für Ärztinnen, Ärzte und Fachpublikum: Pathophysiologie, Genetik mit der WHO-Klassifikation 2022, Diagnostik, Klinik und Therapie – auf dem Stand von 2026, mit Primärquellen.
Zielgruppe & Sprachregelung
Diese Inhalte richten sich an Ärztinnen/Ärzte und fachlich Interessierte. Zentrale Begriffsregel: G6PD-Mangel bezeichnet den Enzymdefekt (den Zustand). Favismus bezeichnet ausschließlich die ausgelöste akute hämolytische Krise nach Verzehr von Favabohnen — nicht den Enzymmangel selbst. Jeder Favismus setzt einen G6PD-Mangel voraus, aber nicht jeder Mensch mit G6PD-Mangel entwickelt jemals einen Favismus (StatPearls 2024).
Definition & Geschichte
Der Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel (G6PD-Mangel, ICD-10 D55.0) ist die weltweit häufigste Enzymopathie des Menschen. Betroffen ist das Schlüsselenzym des Pentosephosphatwegs, das in Erythrozyten die einzige Quelle für NADPH darstellt. NADPH hält reduziertes Glutathion bereit, das die roten Blutkörperchen vor oxidativem Stress schützt. Fehlt ausreichend G6PD-Aktivität, bricht dieser Schutz unter oxidativer Belastung zusammen, und es kommt zur Hämolyse (StatPearls 2024, NBK470315; orphananesthesia G6PD-Leitlinie).
Weltweit sind schätzungsweise 400 bis 443 Millionen Menschen betroffen; die Global-Burden-of-Disease-Analyse weist für 2021 rund 443 Mio. Fälle aus, ein Anstieg um etwa 80 % gegenüber 1990 (Global Burden of Disease G6PD, Front Genet 2025). In Deutschland liegt die Prävalenz mit etwa 0,14–0,37 % niedrig; sie steigt mit dem Anteil von Menschen aus Mittelmeerraum, Afrika, Naher/Mittlerer Osten und Südostasien.
Historische Einordnung. Die hämolytische Reaktion nach dem Verzehr von Saubohnen (Vicia faba) ist seit der Antike bekannt — der Begriff Favismus leitet sich vom lateinischen Bohnennamen ab. Die molekulare Ursache wurde erst Mitte des 20. Jahrhunderts aufgeklärt: In den 1950er-Jahren zeigten Untersuchungen an US-Soldaten, dass das Antimalariamittel Primaquin bei bestimmten Personen eine akute Hämolyse auslöste. Dies führte zur Identifikation des G6PD-Mangels als zugrunde liegender Enzymdefekt. Die geografische Verteilung deckt sich weitgehend mit historischen Malariagebieten: G6PD-defiziente Erythrozyten bieten einen relativen Selektionsvorteil gegen die schwere Plasmodium-falciparum-Malaria, weshalb sich der Defekt in diesen Regionen anreicherte (StatPearls 2024; orphananesthesia).
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Pathophysiologie
Der zentrale Mechanismus ist der Zusammenbruch der antioxidativen Abwehr des Erythrozyten. G6PD katalysiert den ersten Schritt des Pentosephosphatwegs und reduziert dabei NADP⁺ zu NADPH. In der reifen roten Blutzelle ist dies die einzige NADPH-Quelle. NADPH wird benötigt, um über die Glutathion-Reduktase oxidiertes Glutathion (GSSG) zurück zu reduziertem Glutathion (GSH) umzuwandeln. GSH neutralisiert reaktive Sauerstoffspezies und schützt Hämoglobin und Zellmembran (orphananesthesia, Pathogenese; StatPearls 2024).
Unter oxidativer Belastung (Favabohnen-Inhaltsstoffe, bestimmte Medikamente, Infektionen) übersteigt der Bedarf an GSH die Regenerationskapazität. Die Folge:
- Oxidation des Hämoglobins → Denaturierung und Ausfällung als Heinz-Innenkörper (an die Membran angelagerte Präzipitate).
- Membranschädigung durch Lipidperoxidation → Verlust der Verformbarkeit.
- Die Milzmakrophagen entfernen die Heinz-Körper aus den Erythrozyten und hinterlassen Bite-Zellen (Degmazyten) und Blister-Zellen.
- Direkte oxidative Membranzerstörung führt zusätzlich zur intravaskulären Hämolyse mit Freisetzung von freiem Hämoglobin, Hämoglobinurie und dem Risiko eines akuten Nierenversagens.
Bei den Favabohnen sind die Glykoside Vicin und Convicin die auslösenden Substanzen; im Darm entstehen daraus die stark oxidativ wirkenden Aglykone Divicin und Isouramil, die den GSH-Vorrat rasch erschöpfen (StatPearls 2024).
Mechanistisch häufig falsch dargestellt
Der G6PD-Mangel senkt NADPH und reduziertes Glutathion — nicht „Vitamin C" oder andere Antioxidantien. Formulierungen, die den Defekt als „Vitamin-C-Mangel" beschreiben, sind sachlich falsch (StatPearls 2024).
Genetik & WHO-Klassifikation
Erbgang. Das G6PD-Gen liegt auf dem X-Chromosom (Xq28). Der Erbgang wird klassisch als X-chromosomal-rezessiv beschrieben, ist aber präziser als X-chromosomal mit ko-dominanter/intermediärer Ausprägung einzuordnen. Hemizygote Männer und homozygote Frauen sind voll ausgeprägt defizient. Heterozygote Frauen sind wegen der zufälligen X-Inaktivierung (Lyonisierung) genetische Mosaike aus normalen und defizienten Erythrozyten-Populationen; ihr Phänotyp reicht von normal über intermediär bis klinisch relevant defizient. Ein relevanter Anteil heterozygoter Frauen ist damit funktionell defizient und diagnostisch schwer fassbar (StatPearls 2024; orphananesthesia, geburtshilfl. Anästhesie).
Häufige Varianten. Über 200 Varianten sind beschrieben. Klinisch bedeutsam sind vor allem:
| Variante | Genotyp (Auswahl) | Population | Klinik |
|---|---|---|---|
| G6PD A− | G202A + A376G | afrikanischstämmig | mildere, meist selbstlimitierende Hämolyse |
| G6PD Mediterranean | C563T (Ser188Phe) | Mittelmeerraum, Naher Osten, auch DE | schwerere Hämolyse, klassischer Favismus |
| G6PD Canton | G1376T | Ostasien | häufigste schwere Variante Ostasiens |
| G6PD Kaiping | G1388A | Ostasien | schwere Variante |
Quelle Genotyp/Populationsbezug: StatPearls 2024.
Neue WHO-Varianten-Klassifikation 2022 (zentrale Aktualisierung)
Die WHO hat 2022 die alte 5-Klassen-Einteilung (I–V) durch drei Klassen A/B/C plus eine Kategorie U ersetzt. Die Einteilung beruht auf der medianen Enzymaktivität der jeweiligen Variante (% der Norm) plus der klinischen Manifestation — und klassifiziert Varianten, nicht einzelne Patientinnen/Patienten (Luzzatto et al., Bull WHO 2024, PMC11276151; WHO 2022, WHO-UCN-GMP-MPAG-2022.01).
| Neue Klasse | Mediane Aktivität | Klinik |
|---|---|---|
| Klasse A | < 20 % | chronische nichtsphärozytäre hämolytische Anämie (CNSHA) |
| Klasse B | < 45 % | Neugeborenenikterus + akute Hämolyse durch Medikamente, Favabohnen oder Infektion |
| Klasse C | > 60 % | keine Hämolyse (klinisch unauffällig) |
| Klasse U | beliebig | unsichere klinische Bedeutung (uncertain) |
Wichtiger Zuordnungsvorbehalt (Primärquelle): Eine Variante mit < 20 % Aktivität fällt nur dann in Klasse A, wenn sie mit chronischer Hämolyse (CNSHA) einhergeht. Zeigt eine Variante mit < 20 % Aktivität nur akute, trigger-induzierte Hämolyse (Favabohnen/Medikamente/Infektion), gehört sie in Klasse B; bei unbekannter Klinik in Klasse U (Luzzatto et al., Bull WHO 2024).
Mapping alt → neu. Die Hauptänderung ist die Zusammenlegung der alten Klassen II und III zur neuen Klasse B, die damit alle häufigen polymorphen Varianten (A−, Mediterranean, Canton, Kaiping) umfasst. Die alte Klasse I (CNSHA) entspricht der neuen Klasse A, die alte Klasse IV (normale Aktivität) der Klasse C; die alte Klasse V (erhöhte Aktivität) wurde verworfen (Luzzatto et al., Bull WHO 2024).
„A− ist harmlos" ist irreführend
G6PD A− ist zwar milder als die Mediterranean-Variante, gehört aber ebenfalls in Klasse B und birgt ein reales Risiko für Favismus, medikamenten- oder infektionsinduzierte Hämolyse und Neugeborenenikterus. „Gutartig" darf nicht als „ungefährlich" gelesen werden (Luzzatto et al., Bull WHO 2024).
Terminologie-Hinweis zu den Cut-offs
Ältere Quellen nennen für die alten Klassen I/II Restaktivitäten „< 10 %". Das ist die historische Definition der Enzym-Restaktivität der alten Klassen (orphananesthesia). Die neue WHO-2022-Klassifikation verwendet als Schwelle die mediane Aktivität der Variante: Klasse A < 20 %, Klasse B < 45 %, Klasse C > 60 %. Auf dieser Seite gilt durchgängig die neue WHO-2022-Definition (Luzzatto et al., Bull WHO 2024).
Diagnostik
Quantitativer Enzymtest (Goldstandard). Die spektrophotometrische Bestimmung der G6PD-Aktivität (NADPH-Bildung pro Zeit, bezogen auf Hämoglobin) ist der Referenzstandard. Sinnvoll ist die Angabe als % der Normaktivität, weil sie an die WHO-Schwellen und an CPIC/Dosierungsentscheidungen anschlussfähig ist (PLOS Med Meta-Analyse, pmed.1003084). Qualitative Verfahren (Fluoreszenz-Spot-Test, Methämoglobin-Reduktionstest) eignen sich nur zum Screening.
Point-of-Care-Quantifizierung. Die wichtigste Diagnostik-Neuerung des letzten Jahrzehnts sind bettseitige quantitative Tests (z. B. STANDARD G6PD / SD Biosensor). Sie ermöglichen eine quantitative Aktivitätsmessung vor Ort — insbesondere vor Gabe von 8-Aminochinolinen (Primaquin, Tafenoquin) im Kontext der Malariabehandlung (IPD-Meta-Analyse Point-of-Care-Tests, PMC11936200).
Genotypisierung. Die molekulargenetische Bestätigung (PCR / Variantenanalyse) ist 2026 etabliert — nicht mehr experimentell — und dient der Bestätigung, der Familienabklärung und insbesondere der Abklärung heterozygoter Frauen, bei denen der phänotypische Test unzuverlässig ist (StatPearls 2024).
Fallstrick: falsch-normaler Test während akuter Hämolyse
Wird der Enzymtest während oder kurz nach einer akuten Hämolyse durchgeführt, kann er falsch-normal ausfallen: Die älteren, stark defizienten Erythrozyten sind bereits lysiert; die nachströmenden jungen Retikulozyten haben eine physiologisch höhere G6PD-Aktivität und täuschen einen Normalbefund vor. Konsequenz: Bei klinischem Verdacht trotz normalem Ergebnis den Test einige Wochen nach der Krise wiederholen (StatPearls 2024).
Heterozygote Frauen werden vom Spot-Test übersehen
Der Fluoreszenz-Spot-Test bildet nur die Mischpopulation ab und kann heterozygote Frauen mit relevantem Defizit verfehlen. Für diese Gruppe sind quantitativer Test oder Genotypisierung erforderlich (StatPearls 2024).
Neugeborenen-Screening. Der G6PD-Mangel ist eine wichtige Ursache des schweren Neugeborenenikterus. Aktuell wird ein universelles Neugeborenen-Screening zur Kernikterus-Prävention diskutiert; die American Academy of Pediatrics hat das Thema 2024 aufgegriffen (AAP, Pediatrics 2024, e2024065900).
Klinische Manifestationen
Die meisten Menschen mit G6PD-Mangel sind lebenslang asymptomatisch, solange keine oxidative Belastung auftritt. Klinisch relevant sind vier Bilder:
Akute hämolytische Anämie. Häufigste symptomatische Manifestation. Nach Trigger-Exposition (Favabohnen, Medikamente, Infektion) tritt typischerweise nach 1–4 Tagen eine akute Hämolyse auf: Blässe, Abgeschlagenheit, Ikterus, dunkler Urin (Hämoglobinurie), Abdominal-/Rückenschmerz. Labor: Hb-Abfall, Retikulozytose, LDH ↑, Haptoglobin ↓, indirektes Bilirubin ↑, Coombs-Test negativ (kein Immunprozess). Im Ausstrich Heinz-Körper (nur früh nachweisbar), Bite-/Blister-Zellen und Schistozyten. In schweren Fällen droht ein akutes Nierenversagen durch Hämoglobinurie (StatPearls 2024; orphananesthesia, postoperative Versorgung). Die Krise ist oft selbstlimitierend, weil zuerst die ältesten, am stärksten defizienten Zellen zerstört werden.
Favismus. Die durch Favabohnen ausgelöste akute Hämolyse ist die schwerste und namensgebende Trigger-Form, besonders bei der Mediterranean-Variante und bei Kindern. Als eigenständiges klinisches Ereignis vom bloßen Enzymmangel-Zustand zu unterscheiden.
Neugeborenenikterus & Kernikterus. Weltweit eine der schwerwiegendsten Manifestationen. Der Ikterus tritt meist in der ersten Lebenswoche auf; unbehandelt kann die bilirubin-induzierte Neurotoxizität zum Kernikterus mit bleibenden neurologischen Schäden führen (orphananesthesia; AAP, Pediatrics 2024).
Chronische nichtsphärozytäre hämolytische Anämie (CNSHA). Seltene, schwere Sonderform bei Klasse-A-Varianten: chronische Hämolyse auch ohne äußeren Trigger, oft schon im Kindesalter. Bei CNSHA gilt kein hämolyse-relevantes Medikament als sicher (CPIC 2022/2023).
Auslöser & Medikamente
Der Wissensstand hat sich seit 2010 grundlegend gewandelt: Nur eine kleine Zahl von Substanzen ist definitiv hämolyse-auslösend. Viele historische Warnungen beruhten auf unkontrollierten Einzelfällen und auf Verwechslung mit infektionsbedingter Hämolyse (Confounding). Das Risiko ist dosis- und phänotypabhängig (CPIC 2022/2023).
Die wichtigsten Auslöser sind nicht Medikamente, sondern Favabohnen und Infektionen. In der größten Real-World-Kohorte (31.962 Betroffene) waren von 71 schweren Hämolyse-Klinikfällen 71,8 % durch Favabohnen, 8,5 % durch Infektionen und nur 4,2 % (3 Fälle) medikamentenassoziiert (Gronich et al., Clin Pharmacol Ther 2024, PMID 38842030).
CPIC-Risikostufen (Kurzabriss):
- Hochrisiko (meiden): Dapson, Methylenblau, Toluidinblau, Primaquin (Standarddosis), Tafenoquin, Rasburicase, Pegloticase, Phenazopyridin.
- Mittleres Risiko (Monitoring): Nitrofurantoin; Primaquin in reduzierter Dosis.
- Gering bis kein Risiko (in normaler Dosis nutzbar): u. a. Chloroquin, Hydroxychloroquin, Chinin, Chloramphenicol, Ciprofloxacin/Fluorchinolone, ASS ≤ 1 g/Tag, Sulfamethoxazol/Cotrimoxazol, Vitamin C/K (Ausnahme i.v.-Megadosen), Glibenclamid.
Zwei häufige Altlasten-Fehler
Chloroquin/Hydroxychloroquin sind nach CPIC in normaler Dosis „low to no risk" — nicht die Hauptgefahr. Das eigentliche Risiko liegt bei den 8-Aminochinolinen (Primaquin Standarddosis, Tafenoquin). Und: Metamizol ist als reines G6PD-Hämolyse-Risiko nicht belegt (in der Kritik steht es wegen Agranulozytose) (CPIC 2022/2023).
Nicht-medikamentöse Noxen über Favabohnen und Infektionen hinaus: Naphthalin (Mottenkugeln) — belegt schwere Hämolyse mit Methämoglobinämie/Multiorganversagen (PMC8742304); Henna/Lawson (mechanistisch plausibel, v. a. bei Neugeborenen relevant; als Auslöser auch in der orphananesthesia-Leitlinie genannt).
Vollständige, evidenzbasierte Medikamentenliste
Der detaillierte, quellenbelegte Wirkstoffkatalog (Hochrisiko / mittel / gering, dosis- und phänotypabhängig) liegt in der separaten [[01 Evidenzbasis Medikamente 2026]] bzw. der daraus abgeleiteten Medikamentenliste. Dieser Abschnitt ist bewusst nur ein Überblick.
Therapie & Management
Grundprinzip: Auslöser meiden und supportiv behandeln. Die wirksamste Maßnahme ist die Prävention — Trigger identifizieren und vermeiden (Favabohnen, hämolyse-auslösende Medikamente, sorgfältiges Infektionsmanagement). Eine Liste kontraindizierter Substanzen in Patientenakte/-ausweis ist sinnvoll (orphananesthesia).
Akute hämolytische Krise.
- Auslösendes Agens sofort absetzen und Infektionen konsequent behandeln.
- Supportiv: In den meisten Fällen ist die Hämolyse selbstlimitierend und braucht keine spezifische Therapie; der Hb erholt sich meist innerhalb von 8–10 Tagen (orphananesthesia).
- Nierenschutz bei Hämoglobinurie: ausreichende Hydrierung, Erhalt der Diurese, ggf. forcierte Diurese und Harn-Alkalisierung, um ein akutes Nierenversagen zu verhindern (StatPearls 2024).
- Transfusion nur nach klinischem Gesamtbild und Dynamik, nicht allein nach einem starren Hb-Grenzwert (siehe Abschnitt 8).
Neugeborenenikterus. Management analog zum sonstigen schweren Neugeborenenikterus: engmaschiges Bilirubin-Monitoring, Phototherapie bei Überschreiten der alters-/risikoadaptierten Schwellen, in schweren Fällen Austauschtransfusion zur Kernikterus-Prävention. Frühe Identifikation betroffener Neugeborener (Screening-Kontext) ist entscheidend (AAP, Pediatrics 2024; orphananesthesia).
Impfungen und Fieber
Fieber ist keine generelle Impf-Gegenanzeige, und Impfungen sind bei G6PD-Mangel nicht kontraindiziert. Da Infektionen selbst ein häufiger Hämolyse-Trigger sind, ist ein guter Impfschutz eher schützend (StatPearls 2024).
Malariaprophylaxe bei G6PD-Mangel
Malariaprophylaxe ist eine medikamentöse Chemoprophylaxe, keine Impfung. Primaquin und Tafenoquin sind bei G6PD-Mangel kontraindiziert (schwere Hämolyse); vor Reisen in Endemiegebiete ist eine quantitative G6PD-Testung und die Wahl geeigneter Alternativen (z. B. Atovaquon-Proguanil, Doxycyclin, Mefloquin je nach Region) erforderlich (CPIC 2022/2023; CDC Travelers' Health, Tafenoquine). Die neueren Malaria-Impfstoffe (RTS,S, R21/Matrix-M) sind für Kinder in Endemiegebieten gedacht — nicht als Reiseprophylaxe.
Perioperatives Management & Transfusion
Grundhaltung Anästhesie. Es existiert kein evidenzbasierter globaler Konsens zu Medikamenten bei G6PD-Mangel, und es gibt keine feste Empfehlung für Allgemein- vs. Regionalanästhesie. Der zentrale anästhesiologische Fokus liegt darauf, oxidativ wirkende Substanzen und Methämoglobinämie-Induktoren zu vermeiden (orphananesthesia G6PD-Leitlinie).
Zu meidende Substanzen perioperativ.
- Methylenblau ist kontraindiziert — doppelt problematisch: Als Antidot bei Methämoglobinämie ist es bei G6PD-Mangel wirkungslos (NADPH-abhängig) und wirkt selbst oxidativ hämolyse-fördernd. Die Methämoglobinämie-Therapie stützt sich hier stattdessen auf Bluttransfusion, hyperbare Sauerstofftherapie und Harn-Alkalisierung.
- Weitere in der Leitlinie als „unsafe" geführte perioperativ relevante Stoffe: Dapson, Toluidinblau, Phenazopyridin, Nitrofurantoin, Primaquin/Pamaquin, Rasburicase, Sulfonamide, Naphthalin; Prilocain/EMLA und hoch dosiertes ASS werden kritisch bewertet (orphananesthesia, Tab. 2/3).
Als sicher geltende Anästhetika (in normaler Dosierung): Propofol, Thiopental, Etomidat-analoge Hypnotika, Ketamin, Benzodiazepine (Midazolam), Opioide (Fentanyl, Sufentanil, Remifentanil, Pethidin, Tramadol), moderne Inhalationsanästhetika (Sevofluran, Desfluran, Isofluran, Halothan, N₂O), Muskelrelaxanzien (Rocuronium, Succinylcholin), Paracetamol, Ibuprofen sowie Chloroquin (orphananesthesia, Tab. 1).
Perioperative Vorsichtsmaßnahmen.
- Elektiveingriffe nicht während einer Hämolyse-Episode oder Infektion durchführen.
- G6PD-Klasse präoperativ klären (quantitativer Enzymtest oder PCR), um den Schweregrad einzuschätzen.
- Großzügige Analgesie und Anxiolyse, enge Temperatur- und Stoffwechselkontrolle (Hypothermie, Azidose, Hyperglykämie sind Trigger); frühe OP-Position im Programm zur Stressreduktion.
- Postoperativ 24–72 h auf Hämolysezeichen achten (Hämoglobinurie, Ikterus, Hb-Abfall); im narkotisierten Patienten sind klinische Frühzeichen verdeckt (orphananesthesia).
Transfusionsstrategie (restriktiv). Für die meisten hospitalisierten, stabilen Patienten ist eine restriktive Transfusionsstrategie (Hb-Trigger ~7 g/dl; bei kardialer Vorerkrankung ~8 g/dl) mindestens gleichwertig zu liberalem Transfundieren (AABB/Carson International Guidelines, JAMA 2023). Entscheidend ist das klinische Gesamtbild und die Dynamik, nicht ein starrer Schwellenwert.
G6PD-spezifische Transfusions-Aspekte
Bei schwerem Enzymmangel (frühere Klassen I/II) sollten gekreuzte Blutprodukte bereitgehalten werden (orphananesthesia). Bei akutem, schwerem Favismus kann die Transfusion lebensrettend sein — die restriktive Grundhaltung darf eine klar indizierte Transfusion nicht verhindern. Nach Möglichkeit sollte Spenderblut nicht von G6PD-defizienten Spendern stammen, da gespendete defiziente Erythrozyten selbst hämolysieren können (StatPearls 2024).
Quellen
- Luzzatto L. et al., „New WHO classification of genetic variants causing G6PD deficiency", Bulletin of the WHO 102(8), 2024, PMC11276151 — https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11276151/
- WHO Malaria Policy Advisory Group / Global Malaria Programme, Technical consultation G6PD classification, WHO-UCN-GMP-MPAG-2022.01, 2022 — https://www.who.int/publications/m/item/WHO-UCN-GMP-MPAG-2022.01
- Gammal R. et al. (CPIC), „Expanded CPIC Guideline for Medication Use in the Context of G6PD Genotype", Clin Pharmacol Ther 113(5), online 2022/Print 2023 — https://ascpt.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/cpt.2735
- StatPearls, „Glucose-6-Phosphate Dehydrogenase Deficiency", NCBI NBK470315, akt. 2024 — https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK470315/
- orphananesthesia, „Anaesthesia recommendations for patients suffering from Glucose-6-phosphate dehydrogenase deficiency" — https://www.orphananesthesia.eu/rare-diseases/published-guidelines/glucose-6-phosphate-dehydrogenase-deficiency/
- Gronich N. et al., Real-World-Kohorte (31.962 Betroffene), Clin Pharmacol Ther 116:1537-1543, 2024, PMID 38842030 — https://ascpt.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/cpt.3333
- Global Burden of Disease G6PD 1990–2021, Front Genet 2025 — https://www.frontiersin.org/journals/genetics/articles/10.3389/fgene.2025.1593728/full
- AAP, „Universal Screening for G6PD Deficiency in Newborns", Pediatrics 154(2) e2024065900, 2024 — https://publications.aap.org/pediatrics/article/154/2/e2024065900/197768/
- IPD-Meta-Analyse Point-of-Care-G6PD-Tests, PMC11936200 — https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC11936200/
- PLOS Medicine, Meta-Analyse quantitative G6PD-Diagnostik, pmed.1003084 — https://journals.plos.org/plosmedicine/article?id=10.1371/journal.pmed.1003084
- Carson J.L. et al. (AABB), Red Blood Cell Transfusion International Guidelines, JAMA 2023 — https://jamanetwork.com/journals/jama/fullarticle/2812192
- CDC Travelers' Health, „Tafenoquine for Malaria Prophylaxis and Treatment" — https://wwwnc.cdc.gov/travel/news-announcements/tafenoquine-malaria-prophylaxis-and-treatment
- Naphthalin-induzierte Hämolyse bei G6PD-Mangel, PMC8742304 — https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC8742304/
- Youngster I. et al., „Medications and G6PD deficiency: an evidence-based review", Drug Safety 33(9):713-726, 2010, PMID 20701405 — https://link.springer.com/article/10.2165/11536520-000000000-00000
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Grundlage: [[Content-Audit/Audit-Fachinfo-Seiten]] und [[01 Evidenzbasis Medikamente 2026]]. Die vollständige Wirkstoff-Tabelle wird aus der Evidenzbasis abgeleitet.